05.12.93

Minister Rhiel: Kultur des Lebens nötig
In einem am 29.11.03 im Wiesbadener Tagblatt veröffentlichten Gastkommentar schreibt der Hessischer Minister für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, Dr. Alois Rhiel: 

KULTUR DES LEBENS NÖTIG 
Die hohe Kinderlosigkeit gefährdet die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft 

Wenn am Wochenende der CDU-Bundesparteitag beginnt, finden die Diskussionen um Rente und  Gesundheitsprämien auf dem Hintergrund einer alarmierenden Zahl statt: Nur noch 720.000 Kinder  wurden im Jahr 2002 in Deutschland geboren. Ein neuer Minusrekord. Vor vierzig Jahren gab es noch  doppelt so viele Geburten. Ohne genügend Nachwuchs sind die Zukunftsaussichten nicht nur für den  Sozialstaat düster, sondern für Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt. 

Jahrzehntelang haben wir die Augen vor den Folgen der demographischen Alterung verschlossen. Immer weniger Junge müssen immer mehr Rentner, Pensionäre, Kranke und Pflegebedürftige versorgen und die Last der Staatsverschuldung tragen. Hohe Lohn- und Preissteigerungen für personennahe Dienstleistungen sind zu befürchten. Hinzu kommt ein Mangel an Fach- und Führungskräften mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Deutschland droht noch mehr als  bisher zu erschlaffen, wenn der Nachwuchs ausbleibt. Wer wird künftig neue Technologien erfinden, neue Unternehmen gründen, neue gesellschaftliche Strukturen entwickeln? 

Langfristige Lösungen erfordern eine ehrliche Analyse: Die wichtigste Ursache der demographischen  Alterung ist die zu geringe Geburtenzahl und nicht die – erfreulicherweise - steigende Lebenserwartung. Lediglich zwei Drittel der jungen Männer und Frauen werden Eltern und haben durchschnittlich zwei Kinder. Das dritte Drittel bleibt zeitlebens kinderlos – besonders häufig Akademiker. 

Die hohe Kinderlosigkeit ist meines Erachtens in erster Linie Ergebnis mentaler Einstellungen. Erst in  zweiter Linie sind strukturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bedeutsam. Ehe und Familie  werden weniger wert geschätzt als Lebensstile, die Erfolg im Beruf und Ungebundenheit im Privatleben  verheißen. Die Sinnstiftung und die Freude, die eine partnerschaftliche Ehe, das Elternglück und der  Zusammenhalt in einer Familie ermöglichen, sind vielen Bürgern abhanden gekommen. 

Deutschland braucht einen Mentalitätswechsel pro Ehe, Familie und Kinder – ganz besonders bei den  jungen Männern, den potenziellen Vätern. Wir brauchen eine Kultur des Lebens. Damit unvereinbar sind die hohen Abtreibungszahlen. Statistisch erfasst werden 130.000 Abtreibungen jährlich. Das heisst: Jedes siebte Kind wird in Deutschland getötet. Wer darin keine ethische Bankrotterklärung unserer  Wohlstandsgesellschaft erkennen will, den sollte zumindest der demographische Irrsinn aufschrecken. 

Sicher gibt es auch strukturelle Gründe für die hohe Kinderlosigkeit. Kindertagestätten können ihre  Öffnungszeiten flexibilisieren. Arbeitgeber müssen mehr Rücksicht auf Mitarbeiter nehmen, die Kinder  erziehen oder Angehörige pflegen. Es geht darum, die Phasen der Familien- und der Erwerbsarbeit  besser abzustimmen - Ausbildung, Berufseinstieg, Familiengründung, Kleinkindphase, Wiedereinstieg, Pflegephase, Berufsausstieg. 

Schließlich müssen in der gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung die demographischen Fehlanreize, also die Benachteiligungen von Eltern, beseitigt werden. Denn Eltern erbringen im Umlageverfahren eine doppelte Leistung. Sie zahlen Beiträge und Steuern einerseits und sorgen durch die Kindererziehung andererseits dafür, dass es künftig genügend Beitrags- und Steuerzahler gibt. Wer keine Kinder erzieht, erbringt nur eine der beiden Leistung und kann die gesparten Kosten der Kindererziehung für die Altersorge anlegen. Daher sollten Eltern zusätzliche Rentenansprüche pro Kind erhalten. Um ihnen bereits heute zu helfen, müssen Eltern auch bei den Beiträgen entlastet werden –  beispielsweise durch Freibeträge wie in der Einkommensteuer. 

Solche Reformen schaffen mehr Gerechtigkeit zwischen Familien und Kinderlosen. Sie reichen jedoch  nicht aus, um Wohlstand und Wachstum in der Zukunft sichern. Unverzichtbar ist: In Deutschland müssen  mehr Kinder geboren sowie gut erzogen und ausgebildet werden. 
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Zur vertiefenden Information siehe auch die Beiträge: "Jung und Alt in Deutschland" bei www.cdl-online.de unter 'Thema Leben' im Register 'Abtreibung'
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