Die Gen-GangALfA - News Letter 15.03.02 Die Gen-Gang:
Berlin (ALfA). Unter der Überschrift: "Die Gen-Gang - Wie Ethiker alle Fragen in Bürokratie auflösen" veröffentlichte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Ausgabe vom 14.03.) einen Tagungsbericht ihres Feuilletonredakteurs Mark Siemons, den wir im folgenden ungekürzt dokumentieren: "Als Laie könnte man glauben, bei der gegenwärtigen Debatte über Genforschung stünden sich zwei Grossgruppen lauernd gegenüber: die affirmativen Praktiker des medizinisch-industriellen Komplexes auf der einen Seite und auf der anderen die skeptischen "Ethiker", die nach dem Sinn des Ganzen fragen. Doch das ist gar nicht so. Wenn man eine Tagung über "Das genetische Wissen und die Zukunft des Menschen" besucht, wie sie diese Woche vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin veranstaltet wurde, merkt man rasch, dass die dort auftretenden "Ethiker" eine ganz andere Rolle spielen. Von Bedeutung scheinen sie in jedem Fall zu sein. Die internationale Konferenz war so angelegt, dass der von Praktikern auf verschiedenen Feldern vorgeführte Forschungsstand jeweils durch "Ethiker" (die im Zweifel auch Juristen oder Sozialwissenschaftler sein können) kommentiert und diskutiert werden sollte. "Die Ethik muss nicht immer zu spät kommen", sagte Tagungsleiter Ludger Honnefelder zu Beginn. Künftig soll sie offenbar überall, wo die Schlachten der Wissenschaft und der Gesellschaft geschlagen werden, an vorderster Front stehen. Doch was tut sie da? Die Ethiker gingen in drei Stufen vor. Auf der ersten listeten sie alle möglichen Fragen auf, die als "ethisch" anerkannt sind. Was ergibt sich für unser Selbstverständnis, wenn wir unsere genetischen Dispositionen kennen (Ludwig Siep, Münster)? Lassen sich freier Wille und genetischer Determinismus miteinander verbinden (Göran Hermerén, Lund)? Wie kann man vermeiden, dass die Individualisierung der Krankheit eine Entsolidarisierung der Gesellschaft mit sich bringt? Wie lassen sich im Versicherungswesen Markttransparenz und Schutz des genetischen Wissens miteinander vereinbaren (Jochen Taupitz, Mannheim)? Auf der zweiten Stufe schilderten die Ethiker die Mühen bei der Installierung von Gremien und Institutionen, die sich um die genannten Fragen kümmern. Dabei wurde deutlich, dass sich die Fragen danach unterscheiden, ob sie zu gross für eine Operationalisierung durch diese Gremien sind oder ob sie dort einer baldigen politischen oder juristischen Klärung zugeführt werden können. Die Fragen des ersten Typs wurden dann erst einmal beiseite gelassen, und man konzentrierte sich auf die Methode, mit der die restlichen Fragen unter Berücksichtigung des aktuellen Meinungsbildes und der vorhandenen Gesetze entschieden werden könnten. Auf der dritten Stufe schliesslich sind die Fragen ganz verschwunden; es geht nur noch um Gremien. Als unbestrittener Meister dieser Endphase erwies sich LeRoy Walters, der an der Georgetown University in Washington christliche Ethik lehrt und als Musterbeispiel des vorbildlichen amerikanischen Pragmatismus vorgestellt wurde. Seinen Vortrag über "Erwartungen, Ziele und Grenzen" der Genforschung bestritt er allein mit einem Abriss der wechselvollen Geschichte der amerikanischen Aufsichtsbehörde, für deren Existenz, so viel wurde deutlich, er nachdrücklich eintrat. Nach welchen Kriterien diese Behörde arbeitet, kam nicht zur Sprache und scheint auch nicht so wichtig zu sein. Entscheidend, so Walters, ist: "Wir brauchen transparente, flexible, strenge Aufsichtssysteme." Das war auch der Tenor der meisten deutschen Einlassungen. Von seiten der Kliniker wurde der Wunsch geäussert, die Ethikkommissionen müssten rasch professionalisiert und zentralisiert werden, damit die moralischen Zweifel nicht am Krankenbett entschieden zu werden brauchen. Nach dem "Objektivierungsschub" der Medizin, so der Privatrechtler Reinhard Damm (Bremen), stehe jetzt ein "Normierungsschub" an. Für die Themen, die auf diese Weise geregelt werden können, hat das einschlägige Milieu einen eigenen Ausdruck: "Elsi" ("ethical, legal and social issues"). Eine solche Terminologie ist praktisch und spart Zeit: Wenn alle Fragen ausserhalb von Biologie und Medizin nur noch "Elsi"-Fragen sind, stehen die Voraussetzungen jener Art Objektivierung, die die Gentechnik leistet, nicht mehr in Zweifel, und man kann sich ganz auf die Weise der Anwendung konzentrieren. Ethik sollte nicht länger als Forschungsbehinderung, sondern eher als eine begleitende Institution aufgefasst werden, sagte denn auch Ludger Honnefelder zum Abschluss; er meinte in dieser Hinsicht schon einen Wandel zu beobachten. So lässt sich die zeitgemässe Funktion der Ethik präzise benennen. Sie soll die Unsicherheiten, die in der Gesellschaft aufkommen, einem bürokratischen Prozess zuführen, an dessen Ende ihre Beseitigung steht. Wichtig ist, dass zum Schluss keine Frage das Publikum mehr beunruhigt. Soweit sind wir allerdings noch nicht. Selbst auf der Berliner Tagung mussten die anwesenden Ethiker immer wieder darauf hinweisen, dass die "sozialethische Dimension" schon berücksichtigt sei, dass es längst Regelungen gebe, die man eben nur besser anwenden müsse. Offenbar hat das einschlägige Versorgungssystem noch nicht alle Befürchtungen stillgestellt. Bezeichnenderweise waren es Mediziner, die die grundsätzlichsten Fragen stellten. Der Gastroenterologe Stefan Schreiber aus Kiel wies darauf hin, dass Gene, die sich heute als Krankheitsverursacher identifizieren lassen, unter den Lebensbedingungen anderer Zeiten ein Krankheitsschutz sein können. Darf sich, fragte er, eine Generation das Definitionsrecht darüber herausnehmen, was Krankheit ist, und damit möglicherweise irreparable Gleichgewichtsstörungen für künftige Generationen herbeiführen? Man weiss nicht, was "Krankheit" eigentlich ist, und über den Status, den das Wissen über das Genom für die Erkenntnis des Menschen hat, ist man sich auch völlig im unklaren. Angetrieben von Patientenerwartungen und ökonomischer Eigendynamik, hastet der Apparat von einer Willkürentscheidung zur nächsten. Die sonst längst übliche Skepsis gegenüber einem szientistischen Modell der Welt scheint suspendiert zu sein. Vielleicht täte statt dem Übermass sanft sedierender "Ethik" etwas mehr Wissenschaftstheorie in der Debatte not." (Mehr dazu: www.faz.net)
Berliner Zeitung - 13 Juli 2001 Kommentar Die Gentechnik-Lüge
Die Amerikaner haben in dieser Woche gezeigt, worum es in der gentechnologischen Debatte wirklich geht. Während in Deutschland noch über Embryonenschutz und die Würde des ungeborenen Lebens diskutiert wird, züchten und verwerten US-Wissenschaftler Embryonen zu medizinischen, aber vor allem auch kommerziellen Zwecken. Nichts Anderes ist geschehen, als Forscher des Jones Institute für Reproduktive Medizin in Norfolk Ei- und Samenzellen von bezahlten Spendern nahmen, damit Embryonen herstellten und diese zur Produktion von Stammzellen benutzten. Die überflüssigen befruchteten Eizellen wurden vernichtet. Ein US-Unternehmen will Embryonen für Stammzellzwecke sogar klonen. Dabei kann den Wissenschaftlern durchaus ein hohes ethisches Motiv unterstellt werden: Sie wollen herausfinden, ob mit diesen Zellen irgendwann einmal zum Beispiel Parkinsonkranke geheilt oder Spenderorgane für Kranke gezüchtet werden können. Von solcherlei Versuchen oder gar Erfolgen sind deutsche Forscher weit entfernt. Noch dürfen sie nicht einmal Embryonen herstellen, geschweige denn mit ihnen experimentieren. Der Disput hier zu Lande dreht sich - gemessen an dem, was die Amerikaner bereits tun - um Vorläufigkeiten. Gestritten wird darüber, ob im Labor gezeugte Embryonen vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter genetisch untersucht werden dürfen - die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID). Und es geht darum, ob importierte Stammzellen (hergestellt aus übrig gebliebenen Embryonen nach Fruchtbarkeitsbehandlungen im Ausland) für die Forschung benutzt werden dürfen. Doch in dieser Debatte wird verdrängt und beschönigt, und es wird gelogen. Dass auch in Deutschland irgendwann gemacht werden soll, was jetzt in Amerika geschieht, spricht kaum jemand deutlich aus. Doch darum geht es. Das lässt sich am Beispiel Präimplantationsdiagnostik zeigen. Immer wieder wird behauptet, diese Technik solle auf sehr wenige, genetisch schwer belastete Paare beschränkt bleiben. Verschwiegen wird, dass für eine PID acht bis zehn Eizellen besamt werden müssen. Was mit den überflüssigen, für schlecht befundenen Embryonen geschehen soll, diese Frage wird weder gestellt noch beantwortet. Letztlich ist es doch so: Mit der PID entstünden erst jene "verwaisten" Embryonen, die es in Deutschland bislang nicht geben darf. Existiert der Embryo erst einmal, wird auch bei uns bald jenes Argument kommen, das schon heute im Ausland stets verfängt: dass es ethisch eher zu vertreten sei, mit dem ungeborenen Leben zu forschen als es zu vernichten. Verschwiegen wird zum Thema PID auch, dass sich die Technik nicht auf die Hochrisikopaare beschränken lässt, wie die Praxis in England und Belgien belegt. Dort sind die Ärzte bereits dazu übergegangen, Gentests routinemäßig bei jeder Reagenzglasbefruchtung anzuwenden. Auch im Streit um die Stammzellen wird unehrlich und taktisch argumentiert. Immer wieder wird in der öffentlichen politischen Debatte argumentiert, es gehe nur um importierte Zellen. Dabei dürfte allen Beteiligten klar sein, dass durch den Import ein Wertewiderspruch konstruiert wird. Mit welchem Argument will man deutschen Forschern, die mit fremden Zellen experimentieren dürfen, verbieten, eigene Stammzellen herzustellen? Noch bedenklicher aber ist, dass nicht offen gelegt wird, was das eigentliche Ziel der Stammzellforschung ist: das therapeutische Klonen. Im Gegenteil: Unisono behaupten Kanzler, Forschungsministerin und Deutsche Forschungsgemeinschaft, diese Technik solle verboten bleiben. Dabei wissen sie - müssen sie wissen - dass die praktische medizinische Anwendung der Stammzellforschung im therapeutischen Klonen liegt. Nicht alles, was in Amerika geschieht, wird zwangsläufig auch hier gemacht werden. Aber wenn wir eine gesellschaftliche Debatte darüber führen, ob wird den bisher geltenden strikten Embryonenschutz aufweichen wollen oder nicht, dann muss dieser Diskurs offen und darf nicht taktisch geführt werden. Nur dann können wir auch über realistische Grenzen nachdenken. Wir sollten nicht länger so tun, als ginge es um das Schicksal einiger weniger erbbelasteter Elternpaare und um einige hundert verwaiste Embryonen, deren Existenz man einen Sinn geben will. Tatsächlich geht es um einen Paradigmenwechsel im Umgang mit dem ungeborenen Leben. Ein Embryo ist nicht länger das "zukünftige Kind zukünftiger Eltern", wie es die Politikerin Margot von Renesse sagt. Der Embryo wird zum wertvollen Rohstoff. |